unser ohr

Mai 24th, 2010 Kommentare deaktiviert

Das Auge führt den Menschen in die Welt, 
das Ohr führt die Welt in den Menschen.

(Lorenz Oken, Deutscher Naturphilosoph des 19. Jahrhunderts)

Unser Gehör ist unserem Gesichtssinn in mehrfacher Weise überlegen. Kein anderes Organ spricht auf so minimale Schwingungen an wie unser Ohr. Wenn ein Maler beispielsweise drei Farbtöne miteinander vermischt, kann unser Auge als Resultat nur eine einzige neue Farbe wahrnehmen. Wenn Klarinette, Oboe und Flöte miteinander erklingen, kann unser Ohr die resultierende Mischung sowohl als neuen Klang wahrnehmen, als auch die drei Instrumente, die diesen Klang hervorbringen, voneinander unterscheiden.

Im Gegensatz zum Gesichtssinn ist unser Ohr imstande, unterschiedliche Frequenzen mit mathematischer Genauigkeit zu messen. Jeder Mensch kann eine Oktave hören, d. h. „messen“, dass die eine Frequenz doppelt so groß ist wie die andere. Niemand kann so etwas sehen: dass die eine Farbe doppelt oder halb so schnell schwingt wie die andere. Das sog. absolute Gehör kann man bilden, erziehen. Es hängt von der Messfähigkeit des Ohres ab, die trainierbar ist. Diese Fähigkeit ist als implizites Wissen in jedem Menschen vorhanden. Das Auge kann nur schätzen, während das Ohr misst. Von präziser Wahrnehmungsfähigkeit kann man daher nur im Akustischen sprechen.

Diese präzise Unterscheidungsfähigkeit betrifft nicht nur den Bereich der Musik, sondern auch die menschliche Stimme. Die Evolution hat es so angelegt, dass an der Hörschnecke des menschlichen Innenohrs die stärkste Konzentration von Nervenfasern anzutreffen ist. D. h. diese winzige Stelle unseres Körpers ist unser empfindlichstes Körperareal! Dort also will die Evolution, dass wir am intensivsten und sorgfältigsten wahrnehmen.

Und die Evolution scheint gewollt zu haben, dass wir zwar unsere Augen verschließen können, nicht aber unsere Ohren. Akustischen Reizen kommt daher leicht eine regelrecht bedrängende Qualität zu, der man nicht widerstehen kann. 


 

  • "Jenseits von Richtig und Falsch gibt es ein weites Feld. Dort will ich Dir begegnen." Rumi